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Wir erwarten den 9000. SchĂĽler in 2017

 

Russische SchĂĽler zu Gast in deutschen Familien

Kultur- und Wehmutsschock

1994 - 2017

 

Meine nicht besonders gut erzogenen Kinder waren ein halbes Jahr zu Gast in einer amerikanischen Familie. Deren Bereitschaft, ohne viel Aufhebens sich mit meinen Kindern zu plagen, Zeit und Geld zu investieren, hat mich beeindruckt. Zu meinem Seelenfrieden gehört, dass meine innere Bilanz – das Geben und Nehmen – stimmen muss. Jetzt stimmte sie nicht mehr.

Aufgewachsen im Gefühl, dass Tod, Schuld und Schicksal mit Russland in besonderem Maße verwoben sind, hatte Russland, oder genauer gesagt die Sowjetunion, immer etwas Bedrohliches. Im August 1994, der letzte – jetzt russische – Soldat hatte Deutschland verlassen, reifte die Idee, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Da die amerikanischen Gastgeschwister nicht kommen wollen, versuche ich es halt mit russischen. Wer könnte helfen? Goethe Institut Moskau? Vielleicht gibt es das? Es gab es, und bereits beim ersten Anruf geriet ich an Frau Voigt. Sie selbst hatte als Schülerin ein prägendes Jahr in einer amerikanischen Gastfamilie verbracht. „Sie brauchen mich nicht weiter überzeugen, genau das, was Sie machen wollen fehlt uns. Ich besorge die Schüler und Sie die Familien.“ Nun stand ich im Wort.

Bereits vier Wochen später lagen 20 Bewerbungen von 16jährigen Schülern vor, die seit der zweiten Klasse Grundschule Deutsch lernten. Das Mädchen, das am frechsten dreinschaute, nahmen wir. Vier brachte ich im Freundeskreis unter, fünfzehn Gasteltern galt es zu mobilisieren. Da um mich herum die Kinder scharenweise nach Amerika geschickt werden – für ein Jahr – dachte ich, es werde kein Problem sein, freundliche Gastfamilien für drei Monate zu finden. Pro Champagnerparty - findet doch dort der „Aufstand der Anständigen“ statt - zwei Familien, war mein Vorsatz. Ein Irrtum – die Gegenargumente ließen mich schlucken. Wir haben so viele Verpflichtungen, wir laufen immer nackt durch die Wohnung, den Kulturschock wollen wir niemandem zufügen. Oder ganz unverhohlen: Wir sind doch nicht so blöd wie die Amis. Rot begann ich zu sehen, wenn anklang, dass die amerikanischen Gastfamilien durch ihre Zöglinge sozial aufgewertet worden wären, und dies wäre in meinem russischen Fall natürlich nicht so. Sie hatten schlicht Angst, in ihrer Spießigkeit enttarnt zu werden und sorgten sich um ihre Bequemlichkeit. Ich griff in die Tasche, bezahlte Anzeigen und fand meinen Glauben an das Gute im Menschen wieder. Es gibt sie, nette, humorvolle, unkomplizierte Menschen, in allen Schichten, mit einem gerütteltem Maß an Herzensbildung. Faustregel – je mehr Kinder, desto unkomplizierter.

Und dann plötzlich standen sie auf dem Flughafen Schönefeld. 20 verschüchterte Großmachtkinder, die Kinder der Sieger, Befreier, Besatzer, manche äußerlich sehr, manche weniger sympathisch, die alle, wahrscheinlich bis heute nicht verstehen können, warum deutsche Gasteltern so etwas machen, wo sie doch alles zum Leben haben, was sie brauchen.

Frappierend war der Wissensstand in Deutsch und Naturwissenschaften, deprimierend der Wissensstand über Tschernobyl, Baltische Staaten, ökologische Probleme und ihre Meinung zur Stellung der Frau, gegenüber Randgruppen oder Minderheiten. Die Gleichsetzung von Kritik mit Ablehnung irritierte.

Der Stolz war schnell gekränkt, manchmal schon beim Hinweis auf Manieren und wurde mit regressivem Rückzug oder je nach Persönlichkeit mit forciertem Selbstbewusstsein und Ansprüchlichkeit zu reparieren versucht.

Der RĂĽckzug fĂĽhrte bei den meist sehr aktiven Gasteltern, die doch die kostbare Zeit nicht unnĂĽtz verstreichen lassen wollten, zur Verzweiflung, forciertes Selbstbewusstsein zur Verwirrung. Vielleicht doch Mafiakinder?

Wir leben in Schlaraffia und merken es nicht. Die Schüler merken es und haben Mühe, ihre geweckte Ansprüchlichkeit zu zügeln, vor allem gegen Ende ihres Aufenthaltes in dem Land, in dem Milch und Honig fließen – 9 Kilo mehr können dabei rauskommen.

Erwartet wird, dass sie unseren Konsum mit Bescheidenheit parieren, eine schwierige Aufgabe.

Den vielbeschworenen Kulturschock (Konsumschock) gibt es wirklich. Ausgelöst durch das Niveau der deutschen Schüler in Naturwissenschaften, durch ihre Arbeitshaltung, ihren Narkotikakonsum und durch ihr Wissen über Russland, das sich auf Wodka und nebulös auf irgendwelche von den Russen begangenen Verbrechen beschränkt – die russische Literatur, ein Buch mit sieben Siegeln. Wer mir Puschkin nicht nur Wodka assoziiert – eine Lichtgestalt.

Viel bedeutender ist der Wehmutsschock, der häufig durch die Attraktivität der Gasteltern und ihrem Lebensstil ausgelöst wird. Eltern, die nicht nur mit sich, sondern auch mit ihren Kindern partnerschaftlich umgehen, ihnen Taschengeld geben, die sich für deren Freunde interessieren, mit ihren Kindern viel unternehmen, die viel arbeiten - dabei gut verdienen und regelmäßig ihr Gehalt in der Lohntüte finden - und aktiv ihre Freizeit genießen. Verstärkt werden solche Gefühle und Phantasien – warum sind meine Gasteltern nicht meine wirklichen Eltern – durch die rivalisierenden Kinder der Gasteltern, die jetzt betonen müssen, dass alles doch so selbstverständlich sei, zugleich aber für sich den Eigentumsbegriff neu entdecken. Auch meinen Kindern, in Amerika von ihren Gastgeschwistern drangsaliert, kam plötzlich ihre partielle Bescheidenheit und sonst vorhandenen Großzügigkeit abhanden.

Die ersten 20 Gastschüler dienten als Versuchsballon, die Erfahrung mit ihnen führten zu Auswahlkriterien, Vorbereitungsmaßnahmen, Verhaltensregeln, Verhaltensempfehlungen für die Gasteltern – Klarheit, Klarheit, Klarheit – und zur Wunder wirkenden Wohlverhaltenskaution von 50 € (wer sich wohl verhält, bekommt sie zurück, wer der Gastmutter die Dessous stibitzt – in diesem Fall der Frau Pastor, mit dem Gastvater im Liebeswahn durchbrennt, oder schlicht den Dankesbrief vergisst – nicht).

 

Die zukünftigen Auswahlkriterien schälten sich schnell heraus. Neugierig, ambivalenzfähig, Interesse an anderen, altersadäquates Selbstbewusstsein, keine Verwechslung von Unterwerfung mit Anpassung und dem Willen sich durchzubeißen.

Was nützen Kriterien, wenn die „Besten“ zum Wettbewerb nicht zugelassen werden. Hier halfen Transparenz und Demokratie. Immer mehr Ehemalige nehmen zusammen mit den Lehrern der teilnehmenden Schulen an der Vorauswahl teil, stellen gemeinsam eine Rangliste auf, an deren Ende, wie durch eine unsichtbare Hand gelenkt, sich immer die jüdischen Schüler – am Namen oft erkennbar –befinden. Die Ehemaligen schicken auch Quereinsteiger ins Rennen, nicht unbedingt die Lieblinge der Lehrer, eher meine, da sie mich an meine Schulkarriere erinnern.

Als mir der Anteil der mit sanftem Druck untergeschobenen dubiosen Lieblinge zuviel wurde, er ist der Sohn des Bürgermeisters, helfen sie unserer Schule, lief ich mit den Kandidaten 3000 Meter, und wer langsamer lief als ich, bekam keine Fahrkarte. Sport spielt in russischen Schulen eine untergeordnete Rolle, vor allem für Mädchen.

Die Dubiosen wurden sofort abgeschreckt. Es war ein merkwürdiges Spektakel. Viele Eltern strömten auf den Sportplatz, ausgerüstet mit diversen Stärkungen für ihr Lieblinge. Die Schüler legten sich mächtig ins Zeug – die Schweiger hatten ihre große Stunde – und keine Hand rührte sich zum Applaus, wenn sie dampfend vorbeizogen, anders wenn meine Wenigkeit vorbeihechelte – ich war irritiert. Vom 3000m-Eignungslauf kam ich wieder ab, weil es plötzlich fast nur noch Schüler gab, die schneller liefen als ich. Jetzt besteht die Hürde aus einer Fahrradprüfung. Fahrradfahren ist in Russland unüblich, ist gefährlich, da Verkehrsschilder- und regeln mehr der Zierde als der Einhaltung dienen – drei Mal traute die deutsche Autobahnpolizei ihren Augen nicht und beendete die beabsichtige Abkürzung. Zudem haftet dem Fahrrad etwas Proletarisches an. Die Änderung kommt mit unseren High-Tech-Rädern und dem Pfauenoutfit .

 

Die Schüler der ersten Stunde erfüllten nicht alle die Erwartungen ihrer Gasteltern. Jetzt sind es gut 80%, die ihren Gasteltern mehr Freude als Kummer bereiten. Die Neuen wissen von den alten, was verlangt wird und die Gasteltern wissen, dass Klarheit und nicht verquaste Toleranz den Weg zum Glück bedeuten. Die Schüler im Jahr 2004 unterscheiden sich erfreulich von ihren Vorläufern. Der allgemeine Wissensstand verbesserte sich. Tschernobyl ist kein böhmische Dorf mehr, in den Baltischen Staaten leben nicht nur geknechtete Russen, es gibt ökologische Probleme – beinahe überall, und nur noch 70% sehen in den Tschetschenen nur Banditen. Kritik wird immer seltener mit Verleumdung verwechselt. Unser Interesse am Schicksal der Kursk wird immer noch mehr als Einmischung, als Versuch, Russland bloßzustellen und weniger als echte Anteilnahme verstanden. Ambivalent ist unser Interesse bestimmt, man muss nur die Berichterstattungen über die Kursk mit Kaprun vergleichen. Durchbrüche in Kaufhäusern kommen nur noch selten vor. Die Abholungen aus der „Gefangenensammelstelle Lankwitz“ hatten für mich biederen Bürger etwas Aufregendes. Das „Hallo Doc“ der Ordnungshüter war immer heiter. Vom Habitus, ihren Interessen und von der coolen Art sich zu bewegen, sind die russischen Schüler von ihren deutschen Altersgenossen kaum mehr zu unterscheiden. Ihre Eltern sind sich auch nicht mehr ganz sicher, dass hinter dem Ganzen etwas sehr Böses stecken muss – Nächstenliebe ist ein Begriff mit vielen Siegeln. Davon abgebracht haben sie nicht nur die Erzählungen ihrer Kinder : „Mein Gastvater arbeitet weniger als du, Papa, besitzt aber viel mehr, meine Gastomi fährt Fahrrad, Oma“, – sondern die etwa 20% Gasteltern, die zum Gegenbesuch nach Russland aufbrachen. Mitgenommen haben die Schüler aber auch unsere Zivilisationskrankheiten, z.B. die Magersucht.

Was treibt die Gasteltern zu solchen Engagements?

Eine Mischung aus Herzensbildung, christlicher Einstellung, gesellschaftlicher Verantwortung, schicksalhafter Verstrickung und latenten Schuldgefühlen und die Verwirklichung der Vorstellung von der deutsch-sowjetischen Freundschaft/Solidarität. Und wie sollte es auch anders sein, je größer die Arbeitslosigkeit einer Region, desto größer die soziale Sensibilität und die Bereitschaft, sich mit einem Schüler zu plagen. Manchmal geht das Engagement zu weit. Der Blick ins Tagebuch kann unangenehme Wahrheiten enthalten: Hier spricht keiner Deutsch, außer dem Fernseher. Schadensbegrenzung war nicht mehr möglich. Neuere Untersuchungen zeigen ganz deutlich, dass praktizierende Nächstenliebe die beste Gesundheitsvorsorge darstellt – fünfmal besser als täglich eine Aspirintablette.

 

Seit dem Jahre 2000 wird die Auswahl und Vorbereitung der Schüler in mehreren Städten von deutschen Deutschlehrern übernommen – vor allem in den Städten jenseits des Urals - die vom in Köln ansässigen Amt für das Auslandsschulwesen zur Unterstützung des Deutschunterrichts entsandt werden. Sie sind unabhängig, nicht korruptionsanfällig und unser Programm ist eine ideale Ergänzung ihres Unterrichts.

3500 Schüler aus 30 Städten/Regionen verbrachten in den letzten vierzehn Jahren drei Monate in unserem kinderarmen Land, lebten in Familien, gingen hier zur Schule.

Für die meisten war der Aufenthalt ein prägendes Ereignis. Sie haben erfahren, wie wir arbeiten, denken und leben. Sie lernten am Modell, wurden zu Sympathieträgern für unser Land und seine Produkte. Für beide Seiten ein schönes Ergebnis. Viele legen nach dem Aufenthalt das deutsche Sprachdiplom ab – bei den landesweiten Deutscholympiaden belegen sie die ersten Plätze, ebenso bei den Bewerbungen für ein DAAD-Stipendium -, das als Nachweis über ausreichende Deutschkenntnisse gilt, um hier studieren zu dürfen, ungefähr 200 Ehemalige studieren oder studierten hier. Fast alle, die im letzten Jahrhundert hier waren, stehen jetzt im Berufsleben, oft auf karrierreverdächtigen Sprossen in Wirtschaft oder Verwaltung, drei kenne ich, die sich selbständig gemacht haben.

 

Zahlreiche erprobte Gasteltern und zunehmend deutsche Deutschlehrer, die nach getaner Arbeit aus Russland zurückkehrten, arbeiten jetzt in unserem Programm mit, fahren nach Russland, suchen Schüler aus – helfen beim Finden der Gasteltern. Daher konnten wir die Zahl der Schüler so erhöhen. Die Organisation solcher Horden geht nur mit Hilfe der Chaostheorie, z.B. wenn 400 Schüler in 7 Bussen am Sonntag morgen um 6 Uhr am ZOB in Berlin eintrudeln, aufgeregt erwartet von 600 Gasteltern.

Seit 2004 nehmen Schüler aus ganz Europa am Programm teil. Gasteltern, die 2 Schüler möchten, bekommen welche aus verschiedenen Ländern, so dass sie miteinander deutsch sprechen müssen. Ressentiments und Vorurteile, wie zwischen Russen und Balten oder Russen und Georgiern, lösen sich auf. Für alle Seiten eine schöne Erfahrung. Gerne packen wir einen Schüler aus Kaliningrad/Königsberg in eine deutsche Familie mit Vertreibungsschicksal – gelebte Versöhnung.

Zum vierten Mal bieten wir im Sommer ein vierwöchiges internationales Jugendcamp in Neuruppin an. Wir verbinden das Erlernen der deutschen Sprache mit viel Sport, Kultur und Spaß. Die Schüler lernen segeln, surfen, rudern, paddeln, tanzen, klettern, singen, Selbstverteidigung und Schauspiel. Das Programm wird unterstützt von der Stadt Neuruppin, dem Kreis, den örtlichen Sport- und Kulturvereinen, der Bundeswehr und dem THW.

 

Die Nachfrage nach unserem Programm ist groß. Dazu trägt unsere home-page bei, denn jetzt haben Schüler aus ganz Russland und Osteuropa Zugang zu den Informationen über unser Programm. Wir könnten viel mehr unterbringen, wenn es mehr finanzielle und administrative Unterstützung gäbe, aber dazu fehlt der politische Wille. In unseren Kulturorganisationen fehlen Menschen mit Visionen und Kreativität, außer Richtlinien und der Angst etwas falsch zu machen bewegen ihre Herzen herzlich wenig. Wir finanzieren uns seit 2005 über eine Bearbeitungsgebühr – für 2008 100 Euro - und über den Einbehalt der Wohlverhaltenskaution, sofern nicht wohlverhalten, von 100 Euro. Schüler aus sozial schwachen Familien bezahlen nichts, außer der Wohlverhaltenskaution. Keiner von uns erhält für seine Arbeit eine müde Mark.

 

Amerikanische Organisationen laden pro Jahr 800 Schüler aus Russland kostenfrei – ausgesucht durch landesweite Wettbewerbe – für ein Jahr in die USA ein, bringen sie in Internaten unter, schöpfen damit eine Elite ab, eine Investition, die sich auszahlen wird. 10.000 deutsche Schüler werden jedes Jahr von Gastfamilien in die USA eingeladen. Die Organisationen nehmen im Schnitt 8000 € für die Vermittlung, die einladenden Familien erhalten kein Geld. Die Haltung der amerikanischen Familien ist bewundernswert. Selten dass aus dem Kreis der Eingeladenen sich welche melden. Gleiches mit Gleichem zu vergelten kommt ihnen nicht in den Sinn. Eine kleine Ausnahme bilden die Amerikabesucher aus den neuen Bundesländern, dort blitzt ab und zu noch Dankbarkeit auf.

 

 

P.S.: Die Robert Bosch Stiftung ĂĽbernahm fĂĽr sechs Jahre, bis 2003, 50% der Kosten. Weitere Sponsoren waren der Unternehmer Freiberger, die West-Ă–stliche-Stiftung, die DelbrĂĽcksche Stiftung, der Notar Riewe und der Freundeskreis.

Im Jahre 2004 verlieh uns der Bundespräsident das Bundesverdienstkreuz.

 

GastschĂĽler in Deutschland e.V.
SĂĽdendstrasse 3
12169 Berlin
Tel. 030 / 791 6612

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zuletzt geändert am: 06.10.2016