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Gastschüler in Deutschland e.V.
Südendstrasse 3
12169 Berlin
Tel. u. Fax 030 / 791 6612
Im überschönen Land

Leben im „überschönen Land“ (Pasta statt Basta)

 

Der Gesinnungswandel russischer Schüler nach einem dreimonatigen Aufenthalt in deutschen

Familien oder wie wir unser Land und seine Produkte sympathisch machen können.

 

„Die Natur ist grün, die Straßen sauber, die Menschen freundlich, die Kindergärten gemütlich, die Busse pünktlich und alle halten sich an Regeln, obwohl keine Polizei weit und breit zu sehen ist.“

Die Rede ist von unserem Land, gesehen mit den Augen von russischen Gastschülern. Milch und Honig wohin man schaut.

Nachdem der letzte russische Soldat Deutschland 1994 verlassen hatte, gründeten in Berlin eine Gruppe von Gleichgesinnten, deren Familienschicksal mit der Sowjetunion eng verbunden war und deren Kinder die amerikanische Gastfreundschaft ein Jahr genießen durften, den Verein „Gastschüler in Deutschland“. Eine Frage der Ehre die Bilanz des Gebens und Nehmens auszugleichen. Der Verein lädt russische Schüler mit guten Deutschkenntnissen im Alter von 14-16 Jahren ein, für drei Monate nach Deutschland ein. Wir verstanden unseren Schritt als Beitrag zur Wiedergutmachung und Versöhnung und als Werbung für unser Land und seine Produkte. Im Zweiten Weltkrieg verloren 22 Millionen Sowjetbürger ihr Leben, davon verhungerten 3 Millionen als Kriegsgefangene, 500.000 direkt vor unserer Haustür „im Reich“. Nur die Soldaten der Stalingradarmee erlitten ein ähnliches Schicksal. 95 Prozent von ihnen verhungerten, allein die Offiziere, die Verantwortlichen, kehrten ungeschoren zurück.

Die russischen Schüler leben in deutschen Familien und besuchen die Schule, bis heute über 8500, mehr Mädchen als Jungen, über zehn Prozent studierten oder studieren in Deutschland, oft unterstützt von ihren Gasteltern. Von Beginn unseres Programms an müssen die Schüler Berichte über ihren Aufenthalt verfassen und im mehrwöchigen Abstand die gleichen  Fragen über innenpolitische Probleme Russlands und Deutschlands schriftlich beantworten, sowie die Unterschiede zwischen den Ländern beschreiben. Eine Wohlverhaltenskaution, die bei Nichtbeantwortung einbehalten wird, garantiert die Erfüllung der gestellten Aufgaben.

In ihren Berichten und Gesprächen spiegeln sich die persönlichen und gesellschaftlichen Veränderungen. Von Jahr zu Jahr erweitert sich ihr Wahrnehmungsspektrum und ihr Mut zum Vergleichen.  

Den ersten Kontakt zu russischen Schulen mit erweitertem Deutschunterricht stellte in einer privaten Initiative eine Mitarbeiterin des Goethe Instituts in Moskau her. Die Aussicht auf einen dreimonatigen Aufenthalt in Deutschland verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Wir brachen nach Russland auf und wurden in den Schulen stürmisch begrüßt. Es mangelte nicht an Schülern, aber an der Zustimmung der russischen Eltern. Sie mussten in Elternabenden überzeugt werden, dass hinter unserer Einladung nicht etwas ganz Böses steckte. Misstrauisch machte sie vor allem, dass das Ganze nichts kosten sollte. Praktizierte Nächstenliebe, das war ihnen suspekt. Außerdem fürchteten sie, ihre Kinder an einen anderen Kulturkreis zu verlieren. Die Auswahl der Schüler gestaltete sich ebenfalls als schwierig. Die Lehrer/innen präsentierten ihre „Lieblinge“, an andere Schüler war kein Rankommen. Die Lieblinge konnten wir nicht abweisen. Die Lösung war, mit allen 3000 Meter zu laufen oder vierstündige Wanderungen zu unternehmen. Wenn die Lieblinge zeigten, dass sie kämpfen konnten, dann waren sie auch unsere Lieblinge. Schwierig aber war und blieb es, die Visa von den deutschen Behörden zu erhalten. Ihr Misstrauen ist bis heute grenzenlos! Da sie hoheitliche Aufgaben zu erfüllen haben, neigen sie dazu, sich wie Hoheiten zu verhalten.

Die ersten deutschen Gasteltern fanden wir im Freundeskreis und jeder von uns nahm auch einen Schüler, später schalteten wir dann Anzeigen. Hauptkriterium bei der Auswahl der Gasteltern war ein gerütteltes Maß an Herzensbildung. Die ersten Jahre finanzierten wir alles selbst, dann übernahm unbürokratisch die Robert Bosch Stiftung unbürokratisch für fünf Jahre die Hälfte der Kosten. Heute bezahlen die Schüler 100 €uro. Kein Schüler wird aus finanziellen Gründen abgewiesen.

Heute, 18 Jahre nach unserem Start, ist alles anders. Viele Eltern kämpfen durch persönliches Vorsprechen bei den Auswahlgesprächen in Russland oder durch herzerweichende Briefe dafür, dass ihre Kinder an unserem Programm teilnehmen können und sind vorbehaltlos bereit, unsere strengen Teilnahmebedingungen zu akzeptieren. Sie dürfen ihre Kinder nur im Notfall anrufen und Sehnsucht oder Angst um sein Kind ist kein Notfall..

Vor 18 Jahren war in Russland alles besser, größer und stärker, wer das nicht glauben wollte,  galt als Feind. Kritiker waren aus Sicht der Schüler die Oberfeinde. Die Vergangenheit war vergangen, die Zukunft eine Sehnsucht, aber kein Ziel, für das man hätte viel tun können. Politik, eine Angelegenheit der Männer im Kreml, die ihr Bestes gaben, eine Welt die weit weg war und in der Frauen nicht vorkamen.

Die Berichte der Schüler über ihren Aufenthalt in Deutschland beschränkten sich  auf Aufzählungen der gesehenen Schlösser, Kirchen, Museen. Persönliche Meinungen oder Stellungnahmen wurden vermieden. Die Frage nach einem innenpolitischen Problem in Russland wurde meist nicht beantwortet, oder vor allem von den Mädchen mit „kein Interesse an Politik“ abgetan. Einige schrieben über die „Benachteiligung von Russen in den baltischen Staaten und den anderen ehemaligen Sowjetrepubliken“. Die Frage, warum Stalingrad in Wolgograd umbenannt wurde, rief Kopfschütteln und Achselzucken hervor. Der Umgang der Menschen miteinander, das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, die Spielregeln der Gesellschaft, waren noch nicht im Fokus der Wahrnehmung.

Nach drei bis vier Jahren tauchten bei den engagierten Schülern in Gesprächen die ersten seltsamen Gedanken auf, die ihr bisheriges Weltbild und die Loyalitätsbande zum Vaterland bedrohten.

„Wir haben doch den Krieg gewonnen, so viel scheinen die Deutschen aber nicht verloren zu haben. Warum halten die Autos am Zebrastreifen, wenn ich die Straße überqueren möchte. Es ist doch nirgends Polizei. Die Menschen müssen mich kennen, wissen, dass ich ein Russe bin, deshalb winke ich ihnen zum Dank auch freundlich zu. Alle Menschen grüßen sich freundlich, obwohl sie sich nicht kennen, seltsam. Andere wunderten sich: “Mein Gastvater lässt meine Gastmutter ans Steuer, ob das gut geht? Meine Gastoma fährt Fahrrad und trägt kurze Hosen! Meine Gastmutter hat viel zu sagen, aber noch mehr zu sagen haben meine Gastgeschwister. Es wird endlos diskutiert. Basta gibt es nicht, und Angst vor den Eltern und Lehrern auch nicht. Und das im Land der Disziplin.“

In den damaligen Berichten finden sich häufig Aussagen wie: „Ich soll hier dauernd erzählen, was ich gesehen, erlebt und gefühlt habe. Interessieren sie sich wirklich für mich? Warum eigentlich? Was geht sie unsere Politik an? Wütend werde ich, wenn sie sich über Boris Jelzin lustig machen. Er habe ein Alkoholproblem. Bei  Russland fällt ihnen immer nur Wodka ein. Eigentlich weiß doch jeder, dass beim Essen nicht gesprochen werden darf. Diese Höflichkeitsregel gilt hier nicht. Sie fangen gemeinsam an, hören gemeinsam auf, alles ganz schrecklich. Und weil sie gerne diskutieren, essen sie immer, wenn möglich, gemeinsam. Sie gießen sogar die Straßenbäume und trennen fanatisch den Müll.“

Nach sechs bis sieben Jahren veränderte sich die Sicht der Schüler. Sie begannen zu vergleichen. Plötzlich gab es auch in Russland Probleme. Es gab Alkoholprobleme und einen Krieg mit Terroristen im Kaukasus, schlechte Straßen, keine Fahrradwege, kleine Wohnungen und dazu noch in beklagenswertem Zustand, viel Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr.

In den Jahren 2009/2011 beantworteten  über siebzig Prozent der Schüler unabhängig von ihrer Herkunftsstadt die Frage nach einem innenpolitischen Problem mit Hinweisen auf Preissteigerungen, niedrige Renten, Arbeitslosigkeit, Korruption, im Jahre 2012 geht es plötzlich primär um Korruption und Wahlbetrug! Die Empörung darüber hält sich allerdings in Grenzen, denn Korruption und Wahlbetrug haben eine lange Tradition und es fehlt das Gefühl , dass man sich erfolgreich wehren könnte. Heftige Empörung hingegen löst bei allen das Verhalten der Band Pussy Riot aus. Deren Verurteilung empfinden nur wenige als schlimm.

Die Frage, warum Stalingrad heute Wolgograd heiße, vermag jetzt jeder Zweite zu beantworten, Stalin  sei kein guter Mensch gewesen. Was war geschehen? Ein Gesinnungswandel war in Gang gekommen, veränderte die Wahrnehmung, das Denken und förderte den Mut zum Vergleichen.

Unsere Schule, die bislang mehr als Kasperletheater wahrgenommen wurde, die Leistungen in Naturwissenschaften wurden mitleidsvoll belächelt. “Sie haben es ja nicht auf den Mond geschafft – kein Wunder, wenn man Musik statt Mathe unterrichtet“, erscheinen nun in einem anderen Licht. Die Schule wird zum „kulturellen Paradies“. Die Lehrer – in Russland gibt es nur Lehrerinnen – sind nett, freundlich und barmherzig. Sie machen Späße, versuchen die Themen interessant zu gestalten, freuen sich, wenn Fragen gestellt werden, gestatten im Unterricht viel Freiheit, wollen Kreativität fördern. Ein Schulpraktikum bei McDonalds oder im Kindergarten wird zur Offenbarung. Nur dass es keine Hausaufgaben gibt, das bleibt ihnen weiter rätselhaft.

Eine der interessantesten (folgenschwersten) Unterschiede zwischen dem Familienleben in Russland und Deutschland ist das „gemeinsame Essen“ und der damit verbundene Gesprächsaustausch. Das Bürgertum in Deutschland entwickelte sich erst, als eine breitere Schicht Geld und Zeit hatte, um bei privaten Begegnungen Kulturformen zu entwickeln und Frauen in diese Treffen mit einbezogen wurden. Dies geschah vor allem bei gemeinsamen Mahlzeiten. Bedingt durch unterschiedliche Arbeitszeiten und lange Fahrten zum Arbeitsplatz, war und ist das Essen in Russland ein Akt der Stärkung, das häufig alleine eingenommen wird, weshalb auch auf Tischmanieren kein großer Wert gelegt wird. Das gemeinsame Essen als Ort und zum Zweck der Kommunikation findet eher selten statt. Für Kinder gilt das russische Sprichwort: „beim Essen ist (isst) man taub und stumm“. Das hat weitreichende Konsequenzen. Die Welten von Eltern und Kindern bleiben weitgehend getrennt, beeinflussen und fördern sich nicht wechselseitig. Entsprechend konservieren sich autoritäre Strukturen, ein partnerschaftliches Verhältnis kann sich nur schwer entwickeln. Heute wird das Sprechen beim gemeinsamen Essen als deutlich weniger unhöflich erlebt, sondern zunehmend als Bereicherung. Es wird erkannt , dass diese Kommunikation das Verhältnis zu den Eltern positiv verändert, dass es partnerschaftlicher wird. Dass in Deutschland Eltern mit ihren Kindern viel unternehmen und sogar die Freunde der Kinder mit einbeziehen wird nun bewundert. „Die Familien verstecken nicht ihre Emotionen, man kann alles sagen, was man denkt“. Nach dem Gastaufenthalt bleiben Auseinandersetzungen mit den Eltern in Russland  nicht aus.

Bislang wurde wahrgenommen, dass viele Ausländer Restaurants besitzen – zu viele. Berlin sei ja die Hauptstadt der Türkei. Jetzt ist es eine coole Sache, dass man bei uns italienisch, türkisch, griechisch, thailändisch, indisch, japanisch essen kann.

Der Einstellungswandel drückt sich auch im Umgang mit Scham und Peinlichkeit aus. Auf den ersten Elternabenden in Russland war es nicht möglich das Machothema „Pinkeln im Stehen oder Sitzen“ anzusprechen. Die Lehrerinnen weigerten sich schlicht dieses heikle Thema anzusprechen. Heute wird es angesprochen und verlegen gelacht. Das Ziel der russischen Mädchen, so schnell wie möglich als Frau wahrgenommen zu werden und das durch eine irritierende Aufmachung zu unterstreichen, scheint weniger erstrebenswert. „Die deutschen Mädchen sind viel länger Mädchen“. Das provozierende Zurschaustellen von Statussymbolen wird nun hinterfragt. „Meine Gasteltern sind sehr reich, aber sie verstecken das“.

Es läuft nicht immer rund, die Bedrohung des Nationalstolzes, die angebotene Partnerschaftlichkeit und die gleichberechtigte Position der Frau in unserer Gesellschaft können nicht alle verdauen. Jahre später kommen Entschuldigungsbriefe, die einem feuchte Augen machen. „Ich bin dir und unseren Gesprächen sehr verpflichtet, obwohl ich sie oft sehr vermieden habe. Entschuldige meine Blödheit, Boris Jelzin hatte wirklich ein Alkoholproblem. Ich habe Sehnsucht nach Deutschland und Leipzig. Dein verlorener Gastsohn.“

Vor vier Jahren hielten zum ersten Mal in Moskau die Autos an, als ich die Straße auf dem Zebrastreifen überqueren wollte – bislang gaben sie Gas – ich bedankte mich freundlich winkend. Die zunehmende Freundlichkeit der Menschen ruft Erinnerungen wach an meine erste Reise 1967, als ich mit meinem VW-Käfer durch die Sowjetunion fuhr.

 

Die Schüler der ersten Jahre sind nun selbst Eltern. Für sie steht fest, dass sie ihre Kinder anders erziehen werden als sie selbst erzogen wurden – nämlich so, wie sie es bei ihren Gastfamilien erlebt haben. Sie sehen ihr Heimatland aus der aus Deutschland übernommenen Elternperspektive, was der Staat ihren Kindern bietet oder nicht bietet. „Die Natur ist nicht grün, die Straße nicht sauber, die Menschen nicht freundlich, die Kindergärten nicht gemütlich, die Busse nicht pünktlich, keiner hält sich an die Regeln, Korruption überall und am Rande der Stadt leben keine wilden Tiere.“ (Hasen, Füchse, Störche, Rehe). Sichtweisen, die manchmal radikal anmuten, weil sie die Leistungen des russischen Staates in den letzten 20 Jahren nur eingeschränkt honorieren. Ich selbst wurde nur einmal ein Korruptionsopfer. „1000 € oder sie verpassen ihr Flugzeug nach Hause“, meinte der Zöllner ungerührt. Erst kommt das Fressen und dann kommt die Moral.Wir einigten uns auf 500 € „vom großen Kuchen“, schüttelten uns die Hände und der Zöllner sagte mehrfach freundlich: “We stay friends.“

Die Befreiung aus der selbst- oder fremdverschuldeten Unmündigkeit ist nicht mehr aufzuhalten.

 

„In diesen 3 Monaten, 90 Tagen, 2160 Stunden, 129.600 Minuten wurde ich viel selbständiger, habe ohne meine Eltern entschieden,  weiß jetzt viel genauer,was ich will. Es war 100.000 Mal schöner als erwartet“, schrieb Oksana aus Jaroslawl nach der Rückkehr im August 2012. Den Gasteltern sei herzlich gedankt!

 

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zuletzt geändert am: 04.10.2015